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Interview: Was eine Lerncoach über die häufigsten Irrtümer beim Lernen denkt
Lena Hartwig 6 min Lesezeit
Manche Überzeugungen halten sich im Bildungsbereich so hartnäckig, dass selbst gut informierte Erwachsene sie noch weitergeben – an Kinder, Studierende, Kolleginnen und Kollegen. Dabei widersprechen viele davon dem, was die Lernpsychologie seit Jahrzehnten klar belegt. Wir haben mit Dr. Marlene Seifert, Diplom-Psychologin und zertifizierter Lerncoach aus Hamburg, gesprochen. Sie begleitet Schülerinnen, Studierende und Berufstätige in ihrer Lernberatungspraxis – und begegnet dabei immer wieder denselben Mythen.
„Ich bin einfach kein Lerntyp" – der gefährlichste Mythos überhaupt
Frau Dr. Seifert, welcher Irrtum begegnet Ihnen am häufigsten in Ihrem Lerncoaching?
Der Satz, den ich am häufigsten höre, lautet: „Ich bin halt nicht für das Lernen gemacht." Oder in einer etwas moderateren Variante: „Ich bin kein visueller Lerntyp, ich brauche das Gehörte." Das klingt zunächst nach Selbstreflexion, ist aber wissenschaftlich schlicht nicht haltbar. Die Theorie der vier Lerntypen – visuell, auditiv, kinästhetisch, lese-schreiborientiert – hat in kontrollierten Studien keine konsistente Unterstützung gefunden. Wenn Lernmethoden auf vermeintliche Typen zugeschnitten werden, bringt das keinen messbaren Leistungsvorteil.
Das Problem an diesem Mythos ist nicht nur, dass er empirisch falsch ist. Er entlastet auch von Verantwortung. Wer glaubt, von Natur aus kein guter Lernender zu sein, probiert seltener neue Strategien aus, gibt schneller auf und sucht die Ursache für Misserfolge im eigenen Wesen statt in der Methode. Genau hier setzt gute Lernberatung an: nicht beim Typ, sondern bei der Technik.
Gibt es eine Grundüberzeugung, die Menschen mitbringen sollten, bevor sie eine neue Lernstrategie ausprobieren?
Ja – die Bereitschaft, das eigene Vorgehen als veränderbar zu betrachten. Die Psychologin Carol Dweck nennt das ein „Growth Mindset": die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Anstrengung und kluge Strategie wachsen können. Das ist keine Motivationsphrase, sondern empirisch gut belegt. Kinder und Erwachsene mit einem Wachstumsmindset zeigen langfristig bessere Lernergebnisse – weil sie Rückschläge anders interpretieren.
Mehr Zeit gleich mehr Lernerfolg? Warum Quantität die Qualität täuscht
Ein weitverbreiteter Irrtum ist wohl auch, dass langes Lernen automatisch effektiv ist?
Absolut. In meiner Lernberatungspraxis erlebe ich regelmäßig Studierende, die sechs oder acht Stunden am Schreibtisch verbracht haben und kaum etwas behalten haben. Sie verwechseln Anwesenheit mit Lernen. Sich Texte mehrfach durchzulesen, Stichworte in bunten Farben zu unterstreichen, lange Zusammenfassungen abzuschreiben – all das erzeugt ein angenehmes Gefühl von Produktivität. Aber dieses Gefühl trügt.
Die Kognitionswissenschaft bezeichnet das als „Fluency Illusion": Vertrautes Material fühlt sich beherrschbar an, auch wenn es noch nicht wirklich im Gedächtnis verankert ist. Wer dreimal dasselbe Kapitel liest, empfindet es beim dritten Mal als leicht – nicht weil er es gelernt hat, sondern weil ihm der Text bekannt vorkommt. Der eigentliche Test fehlt.
„Ich sage meinen Klientinnen und Klienten immer: Lernen ist dann wirksam, wenn es sich anstrengend anfühlt. Leichtes Wiederlesen täuscht uns. Schwieriges Abrufen aus dem Gedächtnis – das ist echter Lernfortschritt."
— Dr. Marlene Seifert, Lerncoach und Diplom-Psychologin
Konkret empfehle ich stattdessen das Prinzip des aktiven Abrufens: Buch zuklappen, Fragen stellen, Antworten formulieren – erst dann nachschlagen. Das ist unbequemer, aber weitaus wirksamer. Mehr dazu, warum dieser Ansatz so kraftvoll ist, erklärt unser Beitrag zu Retrieval Practice und warum Selbsttests mehr bringen als Lesen.
Die fünf häufigsten Lernmythen im Schnellcheck
Welche weiteren Irrtümer würden Sie als besonders verbreitet bezeichnen?
Es gibt eine ganze Reihe davon, die ich in meiner Lerncoaching-Praxis immer wieder antreffe. Ich fasse die wichtigsten kurz zusammen:
- Mythos 1 – „Marathon-Lernsessions bringen mehr als kurze Einheiten." Das Gegenteil ist wahr. Verteiltes Lernen über mehrere Tage hinweg (Spacing-Effekt) führt zu deutlich besserem Behalten als massed practice kurz vor der Prüfung.
- Mythos 2 – „Multitasking steigert die Effizienz." Das menschliche Gehirn wechselt lediglich schnell zwischen Aufgaben – es bearbeitet sie nicht gleichzeitig. Jeder Wechsel kostet kognitive Ressourcen und erhöht die Fehlerquote messbar.
- Mythos 3 – „Ein ruhiges, störungsfreies Umfeld ist immer optimal." Tatsächlich kann kontextuelles Variieren des Lernorts die Abrufleistung verbessern, weil verschiedene Umgebungsreize als Gedächtnisanker dienen.
- Mythos 4 – „Unterstreichungen und Markierungen helfen beim Lernen." Passives Markieren ohne anschließende Verarbeitung hat in Metaanalysen kaum Effektstärken gezeigt, die über reines Lesen hinausgehen.
- Mythos 5 – „Motivation ist die Voraussetzung, um anzufangen." Dieser Mythos ist besonders folgenreich. In der Realität entsteht Motivation häufig erst durch das Handeln selbst – nicht davor. Wer auf das richtige Gefühl wartet, wartet oft zu lange.
Gerade der letzte Punkt ist für viele Klientinnen und Klienten eine kleine Befreiung. Wenn Motivation kein Startknopf, sondern ein Nebenprodukt des Tuns ist, verändert das den Umgang mit Prokrastination grundlegend. Dazu passt übrigens unser weiterführender Artikel über intrinsische Motivation beim Lernen und wie man sie systematisch aufbaut – dort werden konkrete Techniken aus der Selbstbestimmungstheorie vorgestellt.
Lernberatung in der Praxis: Was eine Sitzung wirklich verändert
Was passiert konkret in einer Lernberatungs- oder Lerncoaching-Sitzung bei Ihnen?
Wir beginnen immer mit einer Bestandsaufnahme. Ich frage: Wie bereitest du dich konkret auf eine Prüfung vor? Zeig mir deinen Ablauf. Und dann – das ist fast immer erhellend – kommt eine Beschreibung, die aus Wiederholung, Lesen und passivem Zusammenfassen besteht. Keine aktiven Abfragen, kein Spacing, keine Überprüfung des eigenen Wissens. Die meisten Menschen haben ihr Lernverhalten nie explizit reflektiert; sie machen es so, wie sie es in der Schule gelernt haben.
Im zweiten Schritt führen wir ein kleines Experiment durch: Ich bitte die Person, einen kurzen Text zu lesen, ihn wegzulegen und dann alles aufzuschreiben, was sie behalten hat. Die Ergebnisse sind häufig bescheiden – und das ist der wichtigste Moment der Sitzung. Nicht weil er beschämt, sondern weil er zeigt, dass das bisherige Vorgehen nicht funktioniert. Dieser konkrete Moment schafft Offenheit für Veränderung.
In den Folgesitzungen geht es dann darum, Strategien einzuüben: Spaced Repetition mit Karteikarten oder digitalen Tools wie Anki, das Elaborative Interrogation-Verfahren (Warum ist das so?), das Erstellen von Concept Maps oder die Interleaving-Technik, bei der verschiedene Themenblöcke bewusst gemischt werden. Es geht nicht darum, eine perfekte Methode zu finden, sondern ein individuell passendes Repertoire aufzubauen.
Was Schule und Hochschule falsch machen – und was wirklich hilft
Liegt das Problem auch im Bildungssystem selbst?
Zum Teil, ja. Es gibt nach wie vor Unterrichtssettings, in denen Lehrerinnen und Lehrer Lernstrategien kaum explizit thematisieren. Schülerinnen und Schüler erhalten viele Inhalte, aber wenig Anleitung dazu, wie sie diese verarbeiten und behalten sollen. Das ist ein strukturelles Defizit – und es betrifft alle Bildungsschichten.
Gleichzeitig wäre es unfair, das gesamte System zu beschuldigen. Viele Lehrkräfte setzen formative Tests, Wiederholungsaufgaben und Diskussionen ein – das sind lernpsychologisch wertvolle Werkzeuge. Das Problem liegt eher in der fehlenden Metakognition: Wissen darüber, wie das eigene Lernen funktioniert, welche Methoden wirksam sind und wie man den eigenen Fortschritt realistisch einschätzt. Genau das ist das Kerngeschäft von Lerncoaching.
Was wirklich hilft, lässt sich auf wenige gut belegte Prinzipien herunterbrechen: aktives Abrufen statt passivem Lesen, verteiltes Üben statt Massenpauken, elaboriertes Fragen statt stumpfes Wiederholen und regelmäßiges Testen des eigenen Wissens. Diese Prinzipien sind nicht neu – sie liegen in der Forschungsliteratur seit Jahrzehnten vor. Die Herausforderung besteht darin, sie in den Alltag zu übersetzen.
Der erste Schritt: Wie man jetzt konkret anfängt
Was empfehlen Sie jemandem, der seine Lerngewohnheiten verbessern möchte, als allerersten Schritt?
Fang mit einem einzigen konkreten Experiment an: Nimm das nächste Thema, das du lernst, und schließ nach zehn Minuten Lesen das Material. Schreib dann alles auf, was du noch weißt – gerne handschriftlich. Dann vergleiche mit dem Original. Du wirst sehen, was tatsächlich hängen geblieben ist. Dieser Moment der ehrlichen Selbstkonfrontation ist wirksamer als jede theoretische Erklärung über Lernmythen.
Der zweite Schritt: Plane Wiederholungen. Nicht am selben Abend, sondern nach einem Tag, nach drei Tagen, nach einer Woche. Das fühlt sich zunächst unbequem an, weil der Stoff beim zweiten Abruf schon wieder schwerer zugänglich ist. Aber genau diese Schwierigkeit ist der Motor des Lernens. Was das Gehirn mit Mühe rekonstruiert, verankert es tiefer.
Und schließlich: Suche dir Unterstützung, wenn du alleine nicht weiterkommst. Lernberatung und professionelles Lerncoaching sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstkenntnis. Die meisten Menschen, die zu mir kommen, sind nicht unintelligent – sie haben schlicht nie gelernt, wie man effektiv lernt. Das ist ein Unterschied, der sich ändern lässt.
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Häufige Fragen
Was genau ist Lerncoaching und für wen ist es geeignet?
Lerncoaching ist eine strukturierte Begleitung, die Menschen dabei hilft, ihre Lernstrategien zu analysieren, ineffektive Gewohnheiten zu erkennen und durch wissenschaftlich fundierte Techniken zu ersetzen. Es richtet sich an Schülerinnen und Schüler, Studierende und Berufstätige gleichermaßen – kurzum: an alle, die merken, dass ihre bisherige Herangehensweise nicht die gewünschten Ergebnisse bringt.
Sind Lerntypen wie visuell oder auditiv wissenschaftlich belegt?
Nein. Die populäre Theorie der Lerntypen – visuell, auditiv, kinästhetisch, lese-schreiborientiert – hat in zahlreichen kontrollierten Studien keine konsistente empirische Unterstützung erhalten. Unterricht oder Lernsessions auf vermeintliche Typen zuzuschneiden, bringt keinen messbaren Leistungsvorteil. Wirksamer ist es, aktive Abrufstrategien und verteiltes Üben einzusetzen, unabhängig vom angenommenen Typ.
Warum ist Wiederlesen als Lernmethode so wenig effektiv?
Wiederholtes Lesen erzeugt eine sogenannte Fluency Illusion: Das vertraute Material fühlt sich beherrschbar an, weil es uns bekannt vorkommt – nicht weil es tief im Gedächtnis verankert ist. Aktives Abrufen (Retrieval Practice) ist deutlich wirksamer, weil das Gehirn dabei Informationen rekonstruieren muss, was die Gedächtnisspur nachweislich festigt.
Wie hilft Lernberatung bei Prokrastination?
Lernberatung adressiert Prokrastination oft durch einen einfachen Perspektivwechsel: Motivation ist nicht die Voraussetzung des Handelns, sondern häufig dessen Folge. Konkrete Kleinstschritte und ein klar strukturierter Lernplan helfen, den Einstieg zu erleichtern, bevor das Motivationsgefühl überhaupt einsetzt. Zusätzlich werden kognitive Blockaden und unrealistische Erwartungen bearbeitet.
Wie lange dauert es, bis man neue Lernstrategien wirklich verinnerlicht hat?
Das hängt vom Ausgangspunkt und der Konsequenz der Umsetzung ab. Viele Klientinnen und Klienten bemerken nach zwei bis vier Wochen konsequenter Anwendung neuer Techniken deutliche Unterschiede in ihrer Behaltensleistung. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Wiederholung: Wer neue Strategien regelmäßig anwendet, verändert damit langfristig seine Lernroutine.